Proteste an jeder Ecke

22.02.2011

Die Nachrichten sind voll davon: In Nordafrika und im Nahen Osten kommt es momentan zu vielen Gewalttaten. Die Herrscher der Staaten dort versuchen im Amt zu bleiben - und das protestierende Volk wäre sie gerne los. Aber was ist der Grund dafür?

Angefangen hat alles in einem kleinen Land an der Mittelmeerküste gegenüber von Italien: Tunesien. Mohammed Bouazizis, ein junger Mann, 26 Jahre alt, hält seine Familie über Wasser, indem er Gemüse verkauft. Dabei hat Mohammed Abitur und könnte theoretisch in einem besseren Job arbeiten. Doch er hat das gleiche Problem wie viele junge Leute in arabischen Ländern: Trotz seiner guten Ausbildung findet er einfach keinen Job. Dazu kommt noch, dass ihm die Behörden nicht erlauben, mit Gemüse zu handeln. Warum weiß er nicht. Sie können sich das Recht dazu aber einfach so rausnehmen und wollen Mohammed seinen Stand wegnehmen.

Der Protest beginnt

Dann entschließt sich Mohammed zu etwas Schrecklichem: Er übergießt sich mit Benzin und zündet Protest der Kinder Bild vergrößern Nicht nur in Tunesien wird demonstriert. Auf dem Plakat des Mädchens steht: "Die ägyptischen Kinder unterstützen die ägyptischen Jugend bei ihrer Revolution" (© picture alliance / dpa) sich an. Die Medien sagen, er hat das aus Protest gegen die schlechten Bedingungen in seinem Land getan. Seine Schwester sagt, er hat sich angezündet, weil er von einer Frau geohrfeigt worden wäre – im arabischen Raum ist das eine schwere Demütigung für einen Mann.Mohammeds Gründe sind also unklar. Sicher ist aber, dass seine Tat einen Volksaufstand auslöst: Tausende junge Tunesier gehen auf die Straße und protestieren in seinem Namen gegen die hohe Arbeitslosigkeit und gegen die Willkür der Polizei und der Behörden.

Das alles war im vergangenen Dezember. Zehn Tage lang hat der tunesische Präsident Zine el-Abidine Ben Ali die Proteste ignoriert. Dann hat er gemerkt, dass sie ihm und seiner Regierung gefährlich werden könnten und er hat den schwer verletzten Mohammed im Krankenhaus besucht. Doch es war zu spät: Die Demonstrationen waren längst zu einer Massenbewegung geworden. Das tunesische Volk forderte den Rücktritt Ben Alis und seiner Regierung.

Eine richtig lange Amtszeit

Der Präsident war schon seit 1987 im Amt und hatte sich mit der Zeit immer mehr Rechte genehmigt. Die Opposition hatte immer wieder gesagt, dass die Regierung gegen Bürgerrechte verstoßen würde. Das heißt zum Beispiel, dass die Tunesier nicht ihre Meinung sagen durften, wenn es um Politik geht. Ben Ali Über 20 Jahre lang war er der tunesische Staatschef - nun suchen ihn die Tunesier mit einem internationalen Haftbefehl (© picture alliance / dpa) Daran hielten sie sich Anfang des Jahres aber nicht mehr. Sie protestierten auch dann weiter als die Polizei mit Waffengewalt gegen die Versammlungen vorging und einige Demonstranten erschossen wurden. Der Druck der Bevölkerung wurde schließlich so stark, dass Ben Ali am 14. Januar 2011 sein Amt aufgab und aus dem Land floh, das er über 20 Jahre lang regiert hatte. Zusammen mit seiner Familie ist er in Dubai untergekommen. Der junge Gemüsehändler Mohammed starb schon vorher an seinen Verbrennungen.

In Tunesien ist jetzt eine Übergangsregierung an der Macht. Sie hat versprochen, dass es bald freie Wahlen gibt, und dass Tunesien eine echte Demokratie wird, in der die Bürger etwas zu sagen haben.

Diesen Wunsch haben auch die Bürger vieler anderer Mittelmehrländer im nördlichen Afrika. Auch in Algerien, Ägypten, Marokko und Libyen sowie in nahöstlichen Staaten wie Bahrain oder dem Jemen sehnen sich viele Menschen nach einem besseren und freiern Leben.

Viele Präsidenten und Könige sind dort schon sehr lange im Amt und würden am liebsten bis an ihr Lebensende an der Macht bleiben. Doch vor allem die Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben da etwas gegen. Sie leiden unter schlechten Arbeitsbedingungen wie Mohammed in Tunesien und haben trotz ihrer guten Ausbildung keinen Job und leben in Armut.

Protestwelle schwappt über

Massendemonstration am 1. Februar in Kairo Bild vergrößern Auf dem Tahrir-Platz in der ägyptischen Hauptstadt Kairo demonstrierten tausende Menschen - erolgreich, wie sich am Ende herausstellte. (© picture alliance / dpa ) In Ägypten passierte daher fast das Gleiche wie in Tunesien. Als die Ägypter hörten, dass die Tunesier ihren unbeliebten Präsidenten aus dem Amt vertreiben konnten, protestierten auch sie gegen ihren Präsidenten Husni Mubarak.

Viele Demonstranten starben bei Schießereien mit der Polizei. Doch nach zwei Wochen des Protests musste auch Mubarak seinen Posten räumen. Die Armee hat nun vorübergehend die Macht übernommen. Sie sagt, sie will bald Neuwahlen organisieren und dafür sorgen, dass Ägypten demokratischer wird.

Ungewisse Zukunft

Die Revolutionen in Tunesien und Ägypten lösten auch in anderen Ländern Protestwellen aus. In Libyen, das zwischen Ägypten und Tunesien liegt, gehen die Menschen auf die Straße, um ihre Staatsoberhaupt, den seit 1969 regierenden Muammar al-Gaddafi, loszuwerden. In Bahrain demonstrieren die Menschen gegen den König, im Jemen, in Dschibuti und in Jordanien gegen den jeweiligen Präsidenten. Auch in Algerien und im Sudan protestieren die Menschen gegen die Regierung.

Der deutsche Außenminister Guido Westerwelle sagte an die arabischen Machthaber gerichtet, dass es den Menschen dort erlaubt sein muss, friedlich zu demonstrieren und ihre Meinung zu sagen. Aus Libyen und Bahrain kommen trotzdem Meldungen, dass die Regierungen mit Gewalt gegen die Demonstranten vorgingen. Die scheinen sich bislang aber nicht davon abschrecken zu lassen und fordern weiter mehr Mitbestimmung und Demokratie. Wie es weiter geht, weiß niemand. Aber die Menschen in der arabischen Welt haben gezeigt, dass sie sich nicht mehr unterdrücken lassen wollen.

© AA