"Wer Kinder angreift, muss bestraft werden"

02.03.2011

Wenn Peter Wittig zur Arbeit geht, trifft er Menschen aus der ganzen Welt. Wo es einen solchen Arbeitsplatz gibt, fragt ihr euch? In New York bei den Vereinten Nationen. Die Vereinten Nationen sind eine Organisation, zu der 192 Länder gehören und die den Frieden in der Welt sichern möchte. Peter Wittig vertritt dort Deutschland. Im Interview erzählt er uns, wie sein Arbeitstag aussieht, wie er sich mit seinen Kollegen verständigt, die ja alle unterschiedliche Sprachen sprechen, und vieles mehr.

Peter Wittig und Guido Westerwelle Bild vergrößern Peter Wittig (l.) mit Bundesaußenminister Guido Westerwelle in New York. Wittig lebt seit mehr als einem Jahr im Big Apple. (© picture-alliance / dpa ) Herr Botschafter, Ihre offizielle Berufsbezeichnung ist ganz schön lang. Sie lautet: "Ständiger Vertreter Deutschlands bei den Vereinten Nationen New York". Was genau ist Ihr Job?

Die Vereinten Nationen sind eine internationale Organisation, in der alle Staaten dieser Welt vertreten sind. Und damit die Staaten dort sprechen und handeln können, entsenden sie die sogenannten „Ständigen Vertreter“ – also Menschen aus Fleisch und Blut – nach New York, wo die Vereinten Nationen ihren Hauptsitz haben. Dort vertreten diese Menschen, die auch Botschafter genannt werden, die Interessen ihres Heimatlandes und beraten mit den anderen Vertretern über aktuelle politische, wirtschaftliche und soziale Entwicklungen in der Welt. Gemeinsam versuchen die Vereinten Nationen den Frieden auf der Welt zu sichern und die Menschenrechte zu schützen. Das ist auch für Deutschland sehr wichtig – und deshalb machen wir hier aktiv mit.

Wie sieht bei Ihnen ein ganz normaler Arbeitstag aus?

Als Botschafter muss ich sehr früh aufstehen, man darf also kein Langschläfer sein. Auf dem Weg zur Arbeit lese ich immer schon ganz viele Zeitungsartikel sowie die Berichte aus anderen deutschen Botschaften auf der ganzen Welt. Danach treffe ich meine Mitarbeiter, denn ich arbeite natürlich nicht allein, sondern werde unterstützt von einem hochmotivierten Team junger Diplomaten. Wir besprechen die aktuelle Lage auf der Welt und die anstehenden Termine.

Jetzt steht auch in New York alles unter dem Eindruck der dramatischen Umbrüche in der arabischen Welt. Letztes Wochende haben wir sehr intensiv über die Lage in Libyen beraten. Am Ende haben wir uns auf eine Resolution geeinigt, mit der wir die Gewalt der libyschen Führung stoppen wollen. Außerdem sollen diejenigen, die ihr eigenes Volk morden und unterdrücken, bestraft werden. Aber das ist nicht der Alltag. An einem normalen Tag war ich zum Beispiel vormittags im Sicherheitsrat, um mit den anderen Mitgliedern über die Spannungen zwischen Thailand und Kambodscha zu beraten. Danach habe ich mit meiner US-amerikanischen Kollegin während des Mittagessens über die Situation in Afghanistan gesprochen. Am Nachmittag hatte ich Verabredungen mit anderen Diplomaten zum Thema Klimawandel und am Abend traf ich noch den litauischen Außenminister. Ich bin oft bis spät in den Abend noch in meinem Büro und arbeite Unterlagen durch. Denn wer über andere Menschen und ihre Schicksale mitentscheiden will, hat eine große Verantwortung und muss deshalb die Fakten genau kennen. Deswegen lese ich erst alles ganz gründlich durch, bevor ich mir eine Meinung bilde und entscheide.

Das Deutsche Haus in New York Bild vergrößern Das Deutsche Haus in New York, hier arbeiten die deutschen Diplomaten. (© AA) Machen die Vereinten Nationen auch etwas für Kinder?

Kinder können sich nicht wehren und werden viel zu oft Opfer von Kriegen und Gewalt auf der ganzen Welt: sie werden angegriffen, verstümmelt oder sogar getötet. Und viel zu viele Kinder müssen als Kindersoldaten arbeiten. Das dürfen wir nicht akzeptieren und daher wollen wir dagegen etwas unternehmen. Hier in New York habe ich deshalb die Leitung einer Arbeitsgruppe im Sicherheitsrat übernommen, die sich um Kinder in bewaffneten Konflikten kümmert. Unser Ziel: Wer Kinder – oder ihre Schulen – angreift, muss bestraft werden. Und wer Kinder zu Soldaten macht, muss geächtet werden.

Vielleicht habt ihr auch schon einmal von UNICEF gehört. Das ist das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen. Es hilft Mädchen und Jungen in vielen Ländern dieser Welt. UNICEF baut zum Beispiel Brunnen in Gebieten, wo es keine gibt oder setzt sich dafür ein, dass Kinder geimpft werden, denn nicht überall werden Kinder medizinisch so gut versorgt wie in Deutschland.

Zu den Vereinten Nationen gehören fast alle Länder der Welt. So viele Sprachen kann doch niemand sprechen. Wie unterhalten Sie sich mit Ihren Kollegen?

Bei den Vereinten Nationen arbeiten zum Glück viele Übersetzer. Wenn zum Beispiel der chinesische Botschafter im Sicherheitsrat spricht, dann setze ich mir einen kleinen Kopfhörer aufs Ohr, durch den ich dann eine englische Übersetzung hören kann. Englisch spreche ich nämlich ebenso wie Französisch und Spanisch. Andere Sprachen zu beherrschen und sich für die Kultur fremder Länder zu interessieren, ist sehr wichtig für einen Diplomaten. Wenn mein Gesprächspartner merkt, dass ich etwas über sein Land weiß und vielleicht sogar seine Sprache spreche, dann fühlt er sich ernstgenommen und wir können viel besser miteinander auch über schwierige Dinge reden. Als Diplomat muss man neugierig und bereit sein, immer wieder dazu zu lernen.

Haben Sie bei all der Arbeit auch noch Zeit für Ihre Familie und für Hobbys?

Ich versuche immer, soviel Zeit wie möglich mit meiner Familie zu verbringen. Dann gehen wir zum Beispiel in den New Yorker Central Park und spielen Fußball. Aber dass ich als Botschafter so oft umziehen muss, ist auch für meine vier Kinder nicht leicht. Denn Abschiede von Freunden tun weh und machen sehr traurig. Dann gibt es auch Tränen. So war es auch, als wir von Berlin nach New York umgezogen sind. Nun sind wir aber schon ein Jahr in dieser großen Stadt und meinen Kindern gefällt es hier so gut, dass sie gar nicht mehr weg wollen – bis es dann irgendwann wieder heißen wird: Koffer packen. Aber wir sind ein gutes Team und haben es bisher immer geschafft. Das macht mich sehr stolz.

Die Fragen stellten unsere Kollegen von

Regierenkapieren

Mehr Informationen zu den Vereinten Nationen

© AA